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15. Juni 2020

Alltagsleben bei der Tafel als Ehrenamtliche Mitarbeiterin

Morgens schwinge ich mich nach einem kräftigen Kaffee aufs Fahrrad und radle Richtung Südvorstadt. Die Tour an der Elbe entlang und durch die Dresdner Altstadt treibt mir den verbleibenden Schlaf aus den Augen und macht Platz für die Freude auf die bevorstehende Schicht bei der Tafel Dresden.

Das Fahrrad in der Zwickauerstraße abgestellt, betrete ich die Tafel. Ich bin bei weitem nicht die Erste! Am Frühstückstisch wird mir ein freundliches „Guten Morgen“ entgegengebracht, in den Gängen sind schon die ersten Aussortierer*innen unterwegs, im Café wird überlegt, welcher Kuchen heute zubereitet werden soll, für das Mittagessen sucht man bereits fleißig Lebensmittel zusammen und in irgendeiner Ecke hört man die Bürohunde bellen.

Jacke und Tasche in die Umkleide gebracht, mache ich mich zur großen Sortierhalle auf.

Während der Morgenschicht, welche von halb zehn bis dreizehn Uhr dauert, sind wir circa sieben Leute am Sortieren. Wenn ein Tafelauto auf den Hinterhof des Tafelgeländes fährt, wissen wir, dass gleich die nächste Palette mit gestapelten Kisten voller Lebensmittel zum Aussortieren abgeladen wird. In der Nebenhalle kann ich mir schnell noch ein paar Handschuhe holen, diese gehören genauso, wie gründliches Händewaschen, zu den unbedingten Hygienemaßnahmen bei der Tafel. Die Gummihandschuhe übergezogen schnappe ich mir von dem knapp 1,90 m hohen Turm meine erste Kiste. Mit meinen 1,60ig kommt mir das schon wie ein kleiner Morgensport vor. Puh! Keine Beerenmixe, das zu begutachten braucht immer so lange. Stattdessen habe ich eine Kiste voll Gemüse. Von Kartoffeln und Möhren über Zucchini, Gurken bis hin zu ein paar verirrten Tomaten ist alles dabei. Jetzt gilt es, Packungen zu öffnen, um sich das Gemüse einzeln und von allen Seiten anzuschauen. Ganz grundsätzlich lautet die Regel: Was du selbst noch essen würdest bleibt, den Rest schmeißt du weg. Schimmel und offene oder weiche Stellen sind meist ein eindeutiges Indiz für die Abfalltonne. Bei Salat und Kohl schaue ich immer, ob man nur die äußersten Blätter entfernen muss, damit er wieder hübsch aussieht – so kann man ein paar Lebensmittel mehr retten. Obwohl bei der Tafel die weggeschmissenen Lebensmittel nicht mal in der Tonne landen. Bauern und Bäuerinnen können sie sich zur Verfütterung an ihre Tiere abholen.

Bei meiner Kiste ist nun alles durchgeschaut. Ich kann also in der Halle herumgehen, um die guten Lebensmittel nach vorgegebener Ordnung einzusortieren. Dabei laufen mir ein paar Leute aus der Nachbarhalle über den Weg, die Kisten mit Allerlei zusammengepacken. Diese werden im Verlauf des Tages an Personen ausgefahren, welche nicht zur Tafel kommen können oder wollen.

Gegen zwölf lichten sich die Reihen in der Lagerhalle. Der Geruch aus der Küche ruft den Appetit hervor! „Kartoffelstampf mit Lecho und Frikadelle“ kündigt die kleine Tafel im Eingangsbereich den heutigen Mittagstisch an. Für einen Euro bekommt man einen vollbeladenen Teller und einen Kaffee je nach Wunsch. Das viele Stehen und Kisten tragen hat mir Hunger bereitet und bei einem kleinen Plausch lasse ich es mir schmecken. Wahlweise kann man auch im Café ein frisch gebackenes Stück Kuchen genießen, oder in der Raucherlounge bei einer Zigarette auf dem Sofa lümmeln.

Nach der Pause wird es in der Halle ziemlich voll, da nun schon die Leute der Nachmittagsschicht da sind. Da man sich nun eh den Tisch zum Arbeiten teilt, kann man problemlos die beim Essen angefangene Gespräche weiterführen.

Erdbeeren, haufenweise Spargel, Blumenkohl, Pfirsiche, Radieschen, Auberginen, Pilze, Kräutertöpfe… Ein bisschen fassungslos blicke ich auf all die Lebensmittel, welche in den deutschen Supermärkten nicht mehr als A-Ware durchgehen.

Gegen zehn vor drei nehme ich mir dann die letzte Kiste vor. Anschauen, entscheiden, beiseite legen, einsortieren oder wegschmeißen, Kiste abstellen.

Etwas erschöpft, aber mit dem guten Gefühl etwas Sinnvolles geschafft zu haben, streife ich die Handschuh ab, winke den anderen zum Abschied, hole meine Klamotten aus der Umkleide und schwinge mich wieder aufs Fahrrad.